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Fachkräftelücke der Energiewende: Das Nadelöhr liegt in Klasse 10

Ohne Anlagenmechaniker und Elektroniker keine Wärmewende. Der Engpass beginnt aber nicht im Betrieb, sondern in der Sekundarstufe I - und wird durch sechzehn verschiedene Abschlussbezeichnungen zusätzlich verdeckt.

In der Debatte über das Tempo der Wärmewende geht es meist um Förderquoten, Strompreise und Lieferzeiten. In den Betrieben geht es um etwas anderes: um die Frage, wer die Anlagen einbauen soll. Wärmepumpe, Photovoltaik, Speicher und Wallbox sind Produkte, die ohne qualifiziertes Handwerk nicht in Betrieb gehen - und die Zahl der Hände, die das können, wächst langsamer als die Nachfrage.

Zwei Berufe tragen die Wärmewende

Der Ausbau hängt im Kern an zwei Ausbildungsberufen. Der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik baut Wärmepumpen, Speicher und Hydraulik ein und nimmt sie in Betrieb. Der Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik verantwortet den Anschluss an das Hausnetz, den Zählerplatz, die Absicherung und zunehmend die Steuerung. Beide Berufe sind dreieinhalbjährig, beide enden mit einer Prüfung vor der Handwerkskammer, und beide setzen am Anfang eine Bewerbung mit Zeugnis voraus.

Dazu kommen Berufe, die in der öffentlichen Wahrnehmung fehlen, ohne die aber kein Netzanschluss entsteht: Elektroniker für Betriebstechnik, Mechatroniker für Kältetechnik - der bei Wärmepumpen die Arbeiten am Kältekreis übernimmt - und Industrieelektriker in der Vorfertigung.

Was in der Berufsschule gerechnet wird

Der Lehrstoff dieser Berufe ist keine Handarbeit mit etwas Theorie, sondern angewandte Physik. Ein Auszug aus dem, was im ersten Ausbildungsjahr vorausgesetzt wird:

  • Einheiten und Umrechnungen: Kilowatt und Kilowattstunde, Liter je Minute, Pascal und bar, Kelvin und Grad Celsius
  • Prozent- und Verhältnisrechnung: Wirkungsgrade, Jahresarbeitszahl, Deckungsanteile, Verluste
  • Grundlagen der Elektrotechnik: ohmsches Gesetz, Reihen- und Parallelschaltung, Leistungsberechnung, Querschnittswahl
  • Geometrie am Bau: Flächen, Volumina, Steigungen, Rohrlängen und Biegezugaben
  • Lesen technischer Unterlagen: Hydraulikschemata, Stromlaufpläne, Herstellerkennlinien

Wer die Jahresarbeitszahl einer Wärmepumpe erklären soll, muss einen Quotienten bilden können. Wer den Deckungsanteil einer Solaranlage abschätzt, rechnet mit Prozenten. Wer einen Leitungsquerschnitt bestimmt, arbeitet mit einer Formel und einer Tabelle. Das ist Stoff der Sekundarstufe I - nur wird er im Betrieb nicht mehr nachgeholt, sondern vorausgesetzt.

Warum der Engpass in Klasse 9 und 10 entsteht

Ausbildungsbetriebe berichten übereinstimmend von zwei Mustern: Bewerbungen, die an der Rechenfähigkeit scheitern, und Ausbildungsverhältnisse, die im ersten Jahr am Berufsschulunterricht scheitern. Beides hat dieselbe Wurzel. Wer Bruchrechnung, Dreisatz und Termumformung nicht sicher beherrscht, kommt im Fachrechnen nicht mit - und zwar unabhängig davon, wie gut die handwerkliche Arbeit gelingt.

Für die Energiewende ist das ein ungünstiger Zusammenhang, weil er spät sichtbar wird. Eine Lücke in Klasse 7 zeigt sich im Berufsschulzeugnis des ersten Lehrjahrs - dann, wenn ein Betrieb bereits einen Ausbildungsplatz gebunden hat. Die Konsequenz zieht sich durch: Ein abgebrochenes Ausbildungsverhältnis kostet den Betrieb rund anderthalb Jahre und den Markt eine Fachkraft, die in fünf Jahren Anlagen in Betrieb genommen hätte.

Sechzehn Systeme, ein Bewerberfeld

Erschwerend kommt hinzu, dass Betriebe Bewerbungen aus mehreren Bundesländern vergleichen müssen, ohne dass die Zeugnisse vergleichbar aussehen. Derselbe Abschluss nach Klasse 10 heißt in Nordrhein-Westfalen Fachoberschulreife, in Hamburg und Berlin mittlerer Schulabschluss, in Brandenburg Fachoberschulreife, in Baden-Württemberg Realschulabschluss - und in Bayern gibt es daneben den qualifizierenden Abschluss der Mittelschule nach Klasse 9. Wer Bewerber danach sortiert, wie der Abschluss heißt, sortiert falsch. Eine Zuordnung der Bezeichnungen zu den Ländern findet sich in der Übersicht zum mittleren Schulabschluss, die auch festhält, welcher Abschluss allein zum Besuch der Oberstufe berechtigt und welcher nicht.

Für die Personalsuche im Handwerk ist das mehr als eine Formalie. Ein Betrieb in Hessen, der auch Bewerbungen aus Thüringen und Rheinland-Pfalz erhält, vergleicht drei Systeme mit unterschiedlichen Namen, unterschiedlichen Fächerkombinationen und unterschiedlichen Prüfungsformaten. Wer hier nach Noten allein entscheidet, übersieht regelmäßig geeignete Kandidaten.

Was Betriebe tun, die es ernst meinen

Einige Innungsbetriebe haben daraus Konsequenzen gezogen, die sich beschreiben lassen, ohne dass es dafür Förderprogramme braucht:

  1. Eignungstest statt Notenschnitt. Ein kurzer Rechentest mit Aufgaben aus dem Fachrechnen sagt mehr über den Ausbildungserfolg als die Mathematiknote, deren Zustandekommen zwischen zwei Ländern ohnehin nicht vergleichbar ist.
  2. Stützunterricht im ersten Lehrjahr. Ausbildungsbegleitende Hilfen der Bundesagentur für Arbeit stehen dafür zur Verfügung, werden aber nur abgerufen, wenn der Betrieb das Problem früh erkennt.
  3. Praktika ab Klasse 8. Sie wirken doppelt: Der Betrieb sieht die Bewerber Jahre vor der Bewerbung, und die Schüler sehen, wofür der Physikunterricht gut ist.

Die Wärmewende hat viele Engpässe - Netzanschlüsse, Lieferzeiten, Genehmigungen. Der langsamste davon liegt außerhalb der Branche: Er wird in der Sekundarstufe I entschieden und macht sich fünf Jahre später auf den Baustellen bemerkbar.

16. September 2026 · 7 Min. Lesezeit

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