In der Debatte um die Energiewende tauchen Textilien selten auf. Gesprochen wird über Kraftwerke, Heizungen und Autos. Dabei steckt in jedem Kleidungsstück eine beträchtliche Menge Energie, und der größte Teil davon wird nicht in Europa verbraucht, sondern in Spinnereien, Webereien und Färbereien in Asien, deren Strom und Prozesswärme vielerorts noch aus Kohle stammen. Für den Handel mit Sportbekleidung wird das zunehmend zum Thema, weil europäische Regeln die Verantwortung für diese Lieferkette Schritt für Schritt nach vorne verlagern, zu den Unternehmen, die die Ware in Verkehr bringen.
Die Energie der Herstellung
Ein Sportshirt besteht heute meist aus Polyester. Die Faser wird aus Erdöl gewonnen, geschmolzen, versponnen und zu Stoff verarbeitet. Energieintensiv ist vor allem die sogenannte Nassveredelung: Färben, Waschen, Fixieren und Trocknen erfolgen bei hohen Temperaturen und verlangen große Mengen Prozesswärme. Polyester wird bei deutlich über hundert Grad gefärbt, und die Trocknung der nassen Stoffbahnen ist ein eigener Großverbraucher.
Daraus folgt eine Einsicht, die für die Energiepolitik wichtig ist: Die Emissionen eines Textils hängen stark davon ab, mit welchem Energiemix in den Produktionsländern gearbeitet wird. Ein Werk, das seine Dampfkessel mit Kohle befeuert, verursacht ein Vielfaches der Emissionen eines Werks, das Wärmepumpen, Solarthermie oder Biomasse nutzt. Die Energiewende eines Textilunternehmens findet deshalb zu großen Teilen beim Lieferanten statt, nicht im eigenen Lager.
Recyceltes Polyester: weniger als es klingt
Viele Hersteller werben mit recyceltem Polyester. Gemeint ist meist Faser aus gebrauchten PET-Flaschen. Das spart den Rohstoff Erdöl und einen Teil der Energie für die Herstellung des Granulats. Die energieintensiven Schritte der Veredelung bleiben aber dieselben. Hinzu kommt ein Einwand aus der Kreislaufwirtschaft: Flaschen könnten auch wieder zu Flaschen werden, während aus einem Shirt heute nur selten wieder ein Shirt entsteht. Echtes Textil-zu-Textil-Recycling steckt technisch noch in den Anfängen, vor allem bei Mischgeweben.
Was Brüssel und Berlin regeln
Mehrere Regelwerke greifen inzwischen ineinander. Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und die europäische Sorgfaltspflichtenrichtlinie verpflichten große Unternehmen, Risiken in ihren Lieferketten zu ermitteln und zu adressieren. Im Vordergrund stehen Menschenrechte und Umweltrisiken, Energiefragen werden darüber mittelbar berührt. Für den kleineren Handel gelten diese Pflichten nicht direkt, sie kommen aber über Verträge mit großen Lieferanten an.
Unmittelbarer wirkt die europäische Ökodesign-Verordnung. Sie erlaubt es, für Produktgruppen Anforderungen an Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit und Information festzulegen, Textilien gehören zu den ersten Kandidaten. Ein digitaler Produktpass soll künftig Angaben zu Material und Herkunft bündeln. Zugleich sieht die Verordnung ein Verbot vor, unverkaufte Kleidung und Schuhe zu vernichten, zunächst für große Unternehmen. Für Händler heißt das: Überbestände müssen anders abgebaut werden, durch genauere Planung, Abverkauf oder Weitergabe.
Am Ende des Lebenszyklus setzt die erweiterte Herstellerverantwortung an, die die EU für Textilien beschlossen hat. Wer Kleidung in Verkehr bringt, soll sich an den Kosten für Sammlung, Sortierung und Verwertung beteiligen, gestaffelt nach Umweltkriterien. In Deutschland sind die Kommunen schon seit 2025 verpflichtet, Alttextilien getrennt zu erfassen. Der Engpass liegt dabei weniger in der Sammlung als in der hochwertigen Verwertung danach.
Was das für den Fachhandel bedeutet
Für einen Sportfachhändler oder einen Fanshop sind die großen Hebel der Herstellung nur begrenzt beeinflussbar. Die Ware kommt in der Regel von wenigen großen Ausrüstern, deren Lieferketten der Händler nicht steuert. Spielraum besteht aber an anderer Stelle: bei der Sortimentsplanung, bei der Verpackung, beim Versand und beim Umgang mit Restposten. Wer seine Mengen genauer plant, muss weniger reduzieren oder einlagern. Wer Versandkartons ohne Kunststofffüllung verwendet und Sendungen bündelt, spart Material und Fahrten. Und wer saisonale Ware kontrolliert abverkauft, statt sie zu entsorgen, ist auf die neuen Regeln vorbereitet.
Ein Vorteil regionaler Händler liegt in der Nähe zur Kundschaft. Ein Vereinsshop wie der offizielle Fanshop des TSV 1860 München verkauft Kleidung, die oft über viele Jahre getragen und aufbewahrt wird, weil sie mit Erinnerungen verbunden ist. Das ändert nichts an der Energiebilanz der Herstellung, verschiebt aber die Rechnung pro Tragetag. Ein Kleidungsstück, das zehn Jahre im Gebrauch bleibt, verteilt seine Herstellungsenergie auf eine viel längere Zeit als ein Shirt, das nach einer Saison im Altkleidercontainer landet.
Die politische Dimension
Textilien zeigen exemplarisch, wie begrenzt eine rein nationale Sicht auf die Energiewende ist. Ein großer Teil der Emissionen, die mit europäischem Konsum verbunden sind, entsteht außerhalb Europas und taucht in den Klimabilanzen der Länder, in denen konsumiert wird, nicht auf. Instrumente wie der CO2-Grenzausgleich der EU erfassen bislang Grundstoffe wie Stahl, Zement oder Aluminium, Textilien nicht. Für die Branche bleiben damit Lieferkettenpflichten, Ökodesign-Anforderungen und Herstellerverantwortung die maßgeblichen Hebel.
Kurz beantwortet
Ist Baumwolle klimafreundlicher als Polyester?
Nicht pauschal. Baumwolle braucht viel Wasser und Fläche, Polyester fossilen Rohstoff und viel Energie in der Veredelung. Entscheidend sind Anbau, Produktionsstandort, Energiemix und vor allem, wie lange das Kleidungsstück genutzt wird.
Was ist ein digitaler Produktpass?
Ein elektronischer Datensatz zu einem Produkt, etwa zu Material, Herkunft, Reparatur und Entsorgung, abrufbar zum Beispiel über einen Code am Etikett. Für welche Textilien er wann Pflicht wird, legen die noch folgenden Durchführungsrechtsakte fest.
Darf ein Händler unverkaufte Ware noch vernichten?
Für große Unternehmen untersagt die Ökodesign-Verordnung die Vernichtung unverkaufter Kleidung und Schuhe, mit eng gefassten Ausnahmen. Für kleinere Unternehmen gelten Übergangsregeln bzw. Ausnahmen.
Bilanz
Die Energiewende im Textilsektor wird vor allem in den Fabriken der Produktionsländer entschieden. Europa wirkt darauf über Regeln ein, die Hersteller und Händler in die Pflicht nehmen. Für den Handel ist das weniger eine Last als eine Gelegenheit, genauer zu planen, weniger wegzuwerfen und Kundschaft zu bedienen, die ihre Kleidung lange behält.
